top of page

Arbeitsergonomie modern gedacht

  • Autorenbild: Mario Gaunersdorfer
    Mario Gaunersdorfer
  • 25. März
  • 4 Min. Lesezeit

Was hilft wirklich und wo werden nur falsche Ängste geschürt?


Anlass zu diesem Blogbeitrag war mein Besuch bei der Körperwelten-Ausstellung. Dort wurden eindrucksvoll Präparate des menschlichen Körpers gezeigt und wissenswerte Informationen an die Besucher:innen weitergegeben. Manche davon etwas plakativ formuliert, dies ist aber wahrscheinlich einer sehr breiten Zielgruppe geschuldet und daher verständlich. Allerdings hing dort ein Plakat aus, mit dem Titel "Richtiges Heben", wo für mich eine Grenze von Vereinfachung zu falscher Angstmache überschritten wurde. Womöglich trifft es mich etwas an einer persönlichen Stelle, da ich im Arbeitsalltag genau diese Botschaften relativieren muss und sie "klugscheißerisch" berichtigen muss. Und es ist immer schwieriger bestehende Überzeugungen zu verändern, als diese neu zu bilden.


Problematische Formulierungen und Angstmacherei

Bewegungsangst ist bei vielen Patient:innen, die schon mit und bei mir trainiert haben, ein Thema. Manchmal mehr, manchmal weniger bewusst. Letztendlich auch egal, denn es leidet genau der wesentliche Faktor darunter, der womöglich die größte Wirksamkeit zur Prävention von unspezifischen Schmerzen besitzt: Bewegung! Wenn Patient:innen aufgrund von Botschaften, Aussagen oder Ähnlichem dazu gedrängt werden, pauschal Bewegung zu vermeiden, dann kann das langfristige Folgen haben. Einmal getätigte, einschneidende Aussagen bleiben bei Patient:innen schnell und lange im Kopf. Allerdings braucht es für die Entstehung der Bewegungsangst keine konkrete gefallene Aussage von irgendjemandem, es reicht alleine schon das Gefühl der Verunsicherung aus, die letztendlich in Bewegungsvermeidung mündet. Solche Aussagen verstärken dieses Gefühl nur weiter und bestätigen den/die Verängstigte:n. Als Gesellschaft sollten wir jedoch großes Interesse haben, dass Menschen sich mehr bewegen und die Bewegungsempfehlungen der WHO erreichen oder im besten Fall sogar übertreffen.


Der hartnäckige Mythos des „falschen“ Hebens


Ähnlich wie hier in Bild 1 dargestellt wurde bei der Ausstellung erklärt, dass die „falsche“ Hebeform zu Schädigungen der Wirbelsäule führt. Man findet dieses Bild sehr oft auch auf Plakaten, Websites oder auf Social Media, sicher sind Sie auch schon mal über ein solches Bild gestolpert. Dieses weit verbreitete Narrativ ist allerdings moderner Sicht nicht mehr haltbar.

Auf dem Bild wird erklärt, dass die Wirbelsäule beim Heben immer in ihrer "natürlichen" Position stehen sollte, also in einer Doppel-S Form. Mit der Begründung "perfekt aufeinander liegende Wirbel und Bandscheiben" und somit einer geringeren mechanischen Belastung. Zusätzlich wurde das Narrativ damit unterstrichen, dass man ja bei 100 kg Last, die falsch gehoben wird, dann auf einmal 600 kg auf dem Rücken hat. Das wirkt natürlich sehr beängstigend und fällt genau in die Kategorie, die ich zuvor erwähnt habe mit einschneidenden Aussagen. Der Körper kann enorme Kräfte aushalten, je besser trainiert, desto mehr, auch abhängig von Vorerkrankungen und Allgemeinzustand.

Zur Zeit gibt es keine klare Evidenz dafür, dass Heben mit runden Rücken ein Risikofaktor für Rückenschmerzen ist. Interessanterweise zeigen bei einer Untersuchungen Proband:innen, die mit mehr Wirbelsäulenstreckung heben, mehr Rückenschmerzen. Möglicherweise zurückzuführen auf Bewegungsangst – „Ich darf ja nicht den Rücken beugen, wenn ich jetzt hebe, sonst schadet das meinem Rücken!“. Und genau da liegt der Hund begraben.


Das richtige Maß finden

Pauschale Empfehlungen oder gar Verbote finde ich nicht zielführend. Deshalb ist es wichtig, dass man einen etwas differenzierteren Blick auf das „richtige“ Heben wirft. Bei der Belastung bzw. Beanspruchung für den Körper spielen viel mehr Dinge eine große Rolle als die Bewegungsausführung allein. Es spielen Faktoren wie Bewegungstempo, Widerstand, Ermüdung, Stress, Konzentration, Trainingserfahrung, Trainingsumfang und Einschränkungen allesamt mit ein. Aus meiner Sicht greift die Hebeposition allein viel zu kurz. Wenn ich untrainiert, mit vollem Tempo an einer 200 kg Hantel anreiße und versuche sie zu heben, egal mit welcher Rückenposition, ist das vielleicht keine so gute Idee. Ein Profi-Gewichtheber könnte bei diesem Gewicht noch am Ende seines Warm-Ups sein und vom Widerstand unbeeindruckt sein. Der Kontext spielt also eine wesentliche Rolle.

Die Hebetechnik mit rundem Rücken allein birgt keine größere Gefahr für Verletzung, laut jetzigem Wissensstand. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, sollte die Wirbelsäule in einem großen Bewegungsausmaß trainiert werden, um in alle Positionen stark zu sein. Denken Sie an Ihren Alltag, wenn Sie etwas aufheben und tragen müssen (Möbel, Blumenerde, etc.): Wie oft kommt es vor, dass sie den Gegenstand mit „leitliniengenauen“ Körperpositionen heben können? Als gutes Beispiel finde ich hier das Ein-/Ausladen von Blumenerde aus dem Kofferraum. Die Säcke sind unhandlich zu nehmen und die Einladehöhe vom Auto auch nicht immer optimal. Eine starke Wirbelsäule verkraftet dies und kann auch in etwas ungünstigeren Positionen genug Kraft und Stabilität aufbringen. Hätte ich davor immer diese Positionen vermieden, wäre mein Körper nicht an diese Belastung gewöhnt und dann passieren erst recht Verletzungen.


Praktische Empfehlung für den Trainingsalltag

Die Wirbelsäule ist wie jedes andere Gelenk im Körper gemacht, um Bewegungen auszuführen und braucht diese sogar, um Nährstoffe zu bekommen. In erster Linie ist es also sinnvoll, die Wirbelsäule in alle möglichen Bewegungsrichtungen zu trainieren: Beugung, Streckung, Seitneigung und Rotation. Hinzu kommen die Fähigkeiten, die eine gesunde Wirbelsäule ausmachen: Kraft, dadurch Stabilität und Beweglichkeit. Und genau diese Fähigkeiten sollten trainiert und das progressiv mit System über die Zeit gesteigert werden. Eine professionelle Trainingsbegleitung ist hier für (Wieder)Einsteiger hilfreich, um wieder Vertrauen in den Körper zu erhalten und ihn stärker und belastbarer zu machen.


Kommentare


bottom of page